Nun habe ich mich auch durch eure tollen Beiträge geackert und ich weiß nicht, ob ich hier noch was neues beisteuern kann. Mein erster Impuls, nachdem der Abspann über den Bildschirm flimmerte, war, auf die Straße hinauszulaufen und meine Flagge zu schwenken. Ja, es ist irgendwie Friede-Freude-Eierkuchen, aber das haben wir doch alle gebraucht nach den zwei herzzerreißenden Cliffhangern der vorangegangenen Staffeln. Endlich mal ein wirkliches Happyend.
Aber, wo soll ich bloß anfangen? Am besten mit dem Anfang... da läuft nämlich gerade Patrick Antosh breit grinsend quer durchs Bild, der Kostümdesigner der Serie. Er geht an einem jungen Paar vorbei, das sich bei den Händen hält. Alles ist schön, sonnig und bunt bis sie zwei Cops sehen, die direkt auf sie zukommen.
Und was machen die Feiglinge? Trennen sich und die Polizisten gehen durch ihre Mitte. Und in dem Augenblick wird die Szenerie schwarz/weiss und der Sänger singt, dass er sich traurig fühlt.
Ich bin nicht nur traurig, sondern auch wütend. Seit wann ist Händchenhalten auf der Straße verboten? Seit wann darf man sich nicht mehr küssen?! Auf der LIBERTY AVENUE!!!!
Das andere Paar macht es sehr viel besser. Brian spuckt den Cops mitten ins Gesicht, dass ihre Präsenz beschissen depressiv macht und demonstriert gleich mal, wie ein richtiger Kuss auszusehen hat.
Und was sagen die anderen? Finden Stockwell heiß anstatt ihn abzuwählen. Die Leute haben immer noch nicht geschnallt, um was es für sie geht. Herr, schmeiß Hirn vom Himmel! Brian meint nur trocken, dass es mehr braucht, als ein paar Flugblätter. Und schreitet zur Tat.
Die folgende Szene ist sehr aussagekräftig und voll von Metaphern:
Brian hat die Ruhe weg und geht erst mal shoppen, und was erscheint als erstes auf dem großen LCD-Fernsehbild? Justin zieht Vergleiche zu Dickens und den Geistern, die Scrooge am Weihnachtsabend quälten und behauptet, dass Stockwell Brians Geist ist, dem er nicht ausweichen kann. Dann präsentiert er Brian seine neueste Rage-Kreation. Ein Schwein, das Bürgermeister werden will, ein Blender durch und durch, der den Bürgern den Himmel auf Erden verspricht während doch schon ausgemacht ist, dass er die Bürger alle ins Schlachthaus führen wird (höre ich da auch Bezüge zu Hitler?). Aber Rage hat ja seine Macht zur Gedankenkontrolle mit der er Leute beeinflussen kann. Also wird er sie auch benutzen, nicht wahr Brian? Justins Meinung nach soll Brian die Karten ausspielen, von denen er am meisten hat: sein Werbetalent. Er ist der Fachmann für Manipulation.
Und Brian hat wohl die zündende Idee. Dass er Deekins als Weichei beschimpft, fand ich nicht fair. Klar, war er wütend, aber Deekins hat richtig gehandelt; es würde in der Tat wie eine Verzweiflungstat aussehen. Da hat er doch glatt gleich ein paar Pluspunkte bei mir gesammelt. Und was macht Justin? Faltet die Flugblätter zu Flugzeugen. Nein, Debbie, das Woody's ist nicht Dantes Tor zur Hölle, aber wenn keiner von den Jungs wählen geht, wird es nicht mehr lange dauern, bis aus dem schwulen Schuppen ein Treffpunkt für Damenkaffeekränzchen wird.
Ja, Woody, fand ich auch irgendwie witzig, dass Debbie, die unbeleckte Kellnerin vom Diner, so aus dem Handgelenk Dante zitiert
Der Spot, der im Fernsehen läuft, erregt die Aufmerksamkeit. Brian schaut sich sorgfältig um und ist zufrieden mit den Reaktionen. (Im Original war das nicht Carl Horvaths Stimme.) Der Spot wurde gesponsert von den um die Wahrheit besorgten Bürgern. Spätestens jetzt sollte der aufmerksame Zuschauer wissen, von wem der Spot stammt. Brian hatte sich in 3.13 Rikert als „Brian Kinney, concerned citizen“ vorgestellt.
Und wenig später lässt er die Bombe platzen.
Justin vermisst den nackten Mann, den Mies van der Rohe Tisch und die Barcelona Stühle (den von Le Corbusier etwa auch?!) weil Brian 5 Goldcards ausgereizt hat und nun 100.000 Dollar Schulden hat. Meine Fresse. Brian kann nicht anders als immer und überall zu übertreiben. Aber es war ja für einen guten Zweck und immerhin würde er lieber eine Niere verkaufen, als sein Bett.
Ich finde nicht, dass es so „out of character“ ist, wie Justin fand. Nicht so ganz. Es passt zum neuen Brian, der sich um seine Freunde sorgt und kümmert, der sich und anderen eingesteht, dass er in einer Art von Beziehung lebt, der Justin aufrichtig liebt, und der für sein ganzes Geld endlich etwas Sinnvolles gefunden hat wofür er es ausgeben kann. Aber was, wenn das alles nichts nützt und es trotzdem kein Wählerschwein interessiert?
Der Kuss, den Brian als Belohnung bekommt für Justins Zitat aus der vorigen Episode, dass man manchmal alles opfern muss, für die Dinge, an die man glaubt, sagt so viel. Justin platzt fast vor Stolz. Und Brian lässt es selig geschehen.
Justin muss Brians kleines Geheimnis für sich behalten haben, denn Brian schwindelt Mikey irgendwas vor, warum er auf einmal so viele Schulden hat, dass er sogar seine Corvette verkaufen will und Michael auch noch den allerletzten Kaugummi von Brian annimmt. Blödmann. Schon mal was von teilen gehört?
Toll, dass die Amis schon bei 84 Prozent der ausgezählten Stimmen sagen können, wer gewonnen hat! Die Szene war zu herrlich. Brian fiel fast vom Stuhl vor Erleichterung. Dank ihm sind Pittsburghs Straßen nun wieder frei für die Perversen. Aber am allerschönsten fand ich die Kameraeinstellung. Alles ist wieder schwarz-weiß bis auf die Regenbogenfahne, die nun nicht mehr zerrissen, sondern wie neu aussieht und von dort aus springen Farbkleckse ins Bild. Rot zuerst, dann Blau und Grün, bis alles wieder so bunt ist, wie es sein soll. Die beiden Cops fliehen die Stätte ihrer Niederlage und das Paar vom Anfang darf wieder öffentlich knutschen.
Tja, Jim. Dumm gelaufen. Du hast nicht mit der Kraft der Visualisierung gerechnet und mit der Überzeugungskunst eines leeren Magens! Dank Debbie wuchs die Schlange der Wähler ins Erstaunliche und die Quittung für deine Säuberungsaktionen hast du endlich bekommen. Die Schwulencommunity schlägt zurück. Ich war so begeistert, dass ich am liebsten mit auf die Straße gelaufen wäre und, obwohl ich Sekt hasse, mit Vic die Flasche Sekt geköpft hätte.
Den Spruch des Tages liefert diesmal Debbie: Betrauere die Niederlagen, weil ihrer viele sind. Aber feiere die Siege, weil ihrer wenig sind.
Von all dem Trubel bekommt Ted leider gar nichts mit. Er ist wieder in seiner eigenen, goldenen Welt, wo alles schön und jeder hinreißend ist. Aber zuerst will er sich bei Emmett wieder einkratzen. Glaubt er wirklich, dass Em so naiv ist? Der Emmett der 1. Staffel hätte sich vielleicht wieder um den Finger wickeln lassen, aber auch Em ist erwachsen geworden. „They kissed and made up“, wie das Sprichwort geht, funktioniert dank Melanie nicht. Ich glaube, sie hat mit Absicht den Kuss unterbrochen. Emmett hatte seine sieben Sinne auch wieder gleich beieinander. Wenigstens einer von beiden hat nun wirklich begriffen, dass Ted drogenabhängig ist und Hilfe braucht.
Eine der besten und bedeutungsvollsten Szenen hatten Brian und Emmett im Babylon. Es zeigt, wie sehr sich Brian weiterentwickelt hat. Nach seinem Gewitzel über die Witwe Schmidt konstatiert er dass „Feuerwehrrot wohl das neue Schwarz sein muss“ (Nicht, dass du jetzt mit einem feuerroten Licht überm Bett ankommst, Brian!) nimmt er Emmett an die Hand und zieht ihn auf die Tanzfläche. Eine Premiere! Emmett ist leicht irritiert.
„Ich dachte, du wolltest auch mal im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen“.
??
„Weil du mit mir zusammen bist.“
Aha. Emmett hat’s nur falsch verstanden. Brian wollte ausdrücken, dass Brians ganze Aufmerksamkeit Em gehört – zumindest für diesen Augenblick – damit Mr. Kinney sagen kann, was er sagen muss. Wieder ist die Rede voll von Metaphern. Emmett solle weitertanzen. Einen Fuß vor den anderen setzen. Dann wird er deutlicher. Ted ist so gut wie ein toter Mann. Und Emmett solle ihm nicht folgen. Das ist nicht herzlos, sondern der beste Rat, den Brian ihm geben kann.
Emmetts und Teds Blicke spritzen Gift. Und auch die Musik rät Emmett, Brians Worten zu lauschen.
Für einen Augenblick zieht Brian Emmetts Hand an seine Brust. Ich fand die Geste überaus toll. Beide stehen auf Augenhöhe. Zum ersten Mal akzeptiert Brian Emmett als seinesgleichen.
Keep on dancing, Em.
Ich muss sagen, die beiden geben ein außerordentlich attraktives Paar ab.
Und Ted? Ich dachte wirklich, dass ist das Ende. Ted springt aus dem Fenster und beendet sein erbärmliches Dasein. Ich hatte alles erwartet, aber das nicht. Die Kameraoptik war klasse und vermittelte uns das Gefühl, wie Ted sich fühlt. Schwankend, unstet und irgendwie krank schleicht er die Treppe in Dr. Crystals riesigem Haus hinunter, bleich wie der Tod, schwitzend und tagelang unrasiert. Wie lange hat er sich da aufgehalten? Und was ist so aufregendes auf dem Bildschirm zu sehen? Eine kreischende Truppe zugedröhnter Junkies feuert sich selbst an. Das hilflose Opfer ihres gangbangs: Ted. Seine Pfeife bleibt unangezündet. Er sieht aus, als ob er gleich kotzen müsste. Ich auch.
Kann man noch tiefer sinken? Wohl nicht. Spinnt man den Gedanken weiter: man kann. Zwar nicht moralisch aber gesundheitlich. Kondome werden bei diesen Spielchen wohl nicht benutzt.
Und endlich, ENDLICH manifestiert sich eine Gestalt aus dem verschwommenen Hintergrund. Es ist Teddy auf dem Weg zur Anmeldung in einer Suchtklinik. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Aber die Sache ist noch lange nicht ausgestanden. Eigentlich fängt sie jetzt erst an. Aber da ist jemand, der ihm helfen wird. Blake! Und zwar nicht als jemand, der sein Leiden teilt, sondern es überwunden hat und nun Berater ist. Und Ted wird es, verdammt noch mal, auch schaffen. Ted ist den Tränen nahe vor Scham und auch Erleichterung ein bekanntes Gesicht zu sehen. Und Blake scheint nicht schockiert zu sein über Teds heruntergekommenes Aussehen. Er hat wohl schon eine Menge gesehen. Er wirkt älter, erwachsener und irgendwie gefasst.
Und so schließt sich der Kreis zur ersten Staffel. Und Woody hat den 1. Preis für prophetische Aussagen gewonnen :daumen
Die dritte große Geschichte beinhaltet das Drama um Hunter. Sie sind doch eine nette Familie, oder? Wenn es Hunters Fahrrad zwei Nummern größer gäbe und Ben auf seinen Tofu-Auflauf verzichten könnte. Endlich haben die beiden mal sturmfreie Bude da platzt das Schicksal in Form von Rita Montgomery herein. Ich weiß nicht, was ich von der Frau halten soll. War sie nun im Knast weil sie ihren Mann tätlich angegriffen hat und Hunter war deshalb in Pflegefamilien? Das würde zumindest Sinn machen. Welche Mutter gibt schon ihr Kind freiwillig weg, auch wenn das Geld knapp ist?
Hunter reagiert schockiert auf die Nachricht. Und der Schock spiegelt sich auch in Michaels und Bens Gesicht, als Hunter mit dem wahren Grund dafür rausrückt, warum er auf den Strich geht. Er sieht so verletzlich aus, wie er da zusammengesunken auf der Treppe hockt mit den viel zu weiten Klamotten, dass man ihm einfach glauben muss, so unglaublich es auch klingt. Wenn Hunter nicht schon längst das Herz der beiden Männer erobert hätte, spätestens jetzt wäre es geschehen.
Aber sie haben die Rechnung ohne Rita gemacht, die entschlossen ist, „Jimmy“ wiederzubekommen. Warum eigentlich? Damit er wieder für sie anschaffen geht? Als ihr dann auf den Kopf zugesagt wird, dass die beiden alles wissen, zeigt sie ihr wahres Gesicht. Der lange Blick, den Michael ihr hinterher sendet, bedeutet, dass Michael wohl ahnt, dass sie am längeren Hebel sitzt. Sie ist die Mutter, Hunter ist minderjährig, und er wohnt bei zwei „Schwuchteln“, die Gott weiß was mit ihm anstellen. Klar, dass hier wieder das alte Klischee rausgeholt werden muss.
Michael ist trotzdem auf dem richtigen Weg. Und als in der Nacht der Nächte die Polizei unten vorfährt, brennen bei Mike die Sicherungen durch. Wow. Soviel Mumm hätte ich bei ihm gar nicht erwartet. Aber wie Brian schon sagte, manchmal muss ein schwuler Mann tun, was ein schwuler Mann tun muss. (Die Umarmung von Hunter an Ben war herzzerreißend.) Er ist nun der dritte im Bunde, der alles riskiert für die Dinge, an die er glaubt. Und Brian ist einfach nur begeistert von seinem neuen Mikey. So begeistert, dass er sein letztes Hemd opfert und nun halbnackt und bloß dasteht, wie das Mädchen, das die Sterntaler auffing oder der Heilige Martin, der seinen Mantel halbierte, damit der Nackte nicht mehr friert.
Brian gibt uns eine letzte Demonstration seiner Fähigkeiten zur Gehirnkontrolle. Diesmal der sexuellen Natur. Und er kann im Augenblick auch an nichts konstruktiveres denken... Klar, Justin ist ja auch bei ihm. Und wenn er auch aller irdischen Dinge verlustig ging – er hat immer noch eines. Das wichtigste: Justin.
Was nicht für mich funktioniert hat, war die Sache mit der Babydecke und Melanies Aberglaube. Gut, das ist ja nicht, wie Linds meinte, der jüdische Aberglaube ans Schicksal (sie hat übrigens auch im Original Schicksal gesagt), sondern allgemeingültiger Aberglaube, dass man nicht vorher für ein Baby einkaufen gehen sollte. Ziemlich unpraktisch, wie ich finde. Trotzdem kann ich’s verstehen. Was ich nicht verstehe ist, dass sie sich monatelang fast zu einer Fehlgeburt geschuftet hat und dann fällt ihr plötzlich ein, dass sie stark gefährdet ist. Das ist nicht stimmig und passte da überhaupt nicht rein in die Episode. Cowlip wollte wohl den Mädels noch eine große Abschiedsszene für die Staffel 3 geben.
Die letzte Episode hatte es in sich. Wird Brian nun stempeln gehen? Wird Justin Hunter Konkurrenz in Sachen Stricher machen? Wohin sind Michael und Hunter abgehauen? Wird Ted seine Therapie schaffen? Und wie wird Emmett seine Verletzungen verarbeiten können?
Und all das dann endlich mit neuem Vorspann.